Samstag 26. Mai 2018

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Von den afrikanischen „Seligpreisungen“

Solange der Neoliberalismus der Politik gegenüber die Nase vorn hat, werden Länder des schwarzen Kontinents immer damit beruhigt, Afrika sei ein Kontinent der Zukunft und der Hoffnung: Schlaftablette. In der Spannung der Kräfteverhältnisse zwischen dem Primat des Marktes und der Politik, zeigt sich, dass der Markt sogar in eigenen Reihen die Politik regelrecht kujoniert. So gesehen braucht Afrika eine tragfähige Geopolitik, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Der Autor macht klar, dass Afrika seine Ressourcen selbst mobilisieren muss.

 

 

In der Tat wird Afrika von NGOs plakativ als „Kontinent der Zukunft oder Hoffnung“ dargestellt. Und es sind allzu oft westliche philanthropische Nicht-Regierungshilfsorganisationen, welche als Marktvorboten vorherrschender globaler Wirtschaftskapitäne missbraucht werden. Denn eine nicht zu unterschätzende Anzahl dieser Organisationen erschließt unfreiwillig ihre Tätigkeitsgebiete dem globalen Markt, der hegemonial von globalen habsüchtigen Wirtschaftskapitänen überschattet wird. Dabei schaffen diese NGOs Bedürfnisse, die sie allmählich nicht befriedigen können. Sie schaffen Bedürfnisse, die nur durch die Machenschaft globaler habsüchtiger Wirtschaftskapitäne befriedigt werden können. Viele westliche philanthropische NGOs – freilich in Zusammenarbeit mit ihren Partnern im Süden – arbeiten, als wären sie Feuerwehrleute, welche wissen, wo Glutnester liegen; aber sie wagen es nicht, diese Glutnester zu zerstören. Unermüdlich versuchen sie vergeblich, das Feuer immer wieder zu löschen, obwohl sie bereits wissen müssten, wo genau und warum sich dort gefährliche Glutnester befinden.

 

Der US-amerikanische Ökonom William Easterly verdeutlichte dies so: „Wie kann der Westen die Armut in der übrigen Welt besiegen? Sobald ein hehres Ziel wie das Ende der Armut gesetzt ist, besteht der nächste Schritt der Planer im Entwurf idealer Hilfsorganisationen, administrativer Pläne und der Bestimmung der finanziellen Ressourcen, die zur Umsetzung erforderlich sind.“ Man soll sich aber davor hüten, die Tätigkeiten philanthropischer Nicht-Regierungshilfsorganisationen nicht zu würdigen; schließlich sind viele Länder des Süden auf Tätigkeiten philanthropischer NGOs angewiesen: von Schulprojekten über die Wasserversorgung bis hin zum Gesundheitswesen. Viele Menschen im Süden nehmen diese Hilfe dankbar an. Aber in manchen Situationen kann der Einsatz der NGOs bei der Armutsbekämpfung kontraproduktiv werden. Und zugegebenermaßen gibt es hier und da Projekte, die von Internationalen EZA-Organisationen partnerschaftlich mit den Afrikanern in Afrika erfolgreich durchgeführt werden. Aber mehrheitlich gibt es viele undurchschaubare Projekte – zum Teil von Afrikanern scheindurchgeführt –, die als Aufklärer aggressiver internationaler Investoren emanzipatorische Bestrebungen in Afrika neutralisieren.

 

Die afrikanische Geschichte der letzten zweihundert Jahre kritisch betrachtend, bekommt man den Eindruck, dass Afrika stets „immerwährende Seligpreisungen“ singt, diese verinnerlicht und sich danach richtet: Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden … ja, irgendwann wird alles gut in Afrika!

 

Was ist mit afrikanischen Seligpreisungen gemeint? Also: hier geht es weder um die Hermeneutik der Seligpreisungen noch um deren Zahlenallegorie, vielmehr geht es hier um die Ähnlichkeit, die die Zahl 8 als Zahl der neutestamentarischen Seligpreisungen mit jenen der UN-Millenniumsziele sowie die futuristische Orientierung dieser beiden Deklarationen verblüffend aufweist, obgleich die Verwirklichung neutestamentarischen Seligpreisungen keinen präzisen Erfüllungszeitpunkt hat. Aber die Geschichte lehrt, dass die Seligpreisungen zum Teil Richtschnur der Millenniumsbewegungen waren oder sind. Nun ist es eine Tatsache, dass globale Wirtschaftsinstitutionen und Grundsatzerklärungen der UNO im Dekade-Rhythmus Menschen aus dem afrikanischen Kontinent eine baldige Verbesserung ihrer prekären Wirtschaftslage zu erreichen verheißen. Aber wo bleiben diese Verheißungen? Wo sind diese baldigen Verbesserungen? Was wird mit den UN-Millenniumszielen geschehen? Doch. Seit beinahe 7 Monaten leben wir im Jahr 2015; aber die sozialwirtschaftliche Situation vieler afrikanischer Länder ist noch schlimmer geworden als vor fünfzig Jahren. Im Grunde dienen diese Versprechungen der Verschleierung von ungelösten Problemen, die den Kolonialismus und den Neokolonialismus auf dem Sektor globaler Güterverteilung hervorbrachten und bis heute hervorbringen.

 

So ist Afrika aufgefordert, sich selbst aus dem ihm stets zugewiesenen Platz zu befreien, nämlich zwischen Hammer und Amboss der global-hegemonialen Kriege. In diesem Sinne wäre es hier – abgesehen von der afrikanischen Geschichte der Sklaverei – angemessen, vorerst drei bekannte Grundmomente der neueren afrikanischen Geschichte in Betracht zu ziehen, die Afrika südlich der Sahara wechselweise in seinem zugewiesenen Platz hielten bzw. halten. Dies sind: Die Aufteilung Afrikas auf der Berliner Konferenz (Kongo-Konferenz) 1884-85, der Kalte Krieg zwischen Warschauer Pakt und NATO und neuerlich der neoliberale hegemoniale „Kalte Krieg“ zwischen Schwellenländern und traditionellen Industrienationen. In der Weise ist Afrika seit circa 1880 ein Zankapfel der sich behauptenden politischen Großmächte. Wie lange noch soll das andauern?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, wo afrikanische Ackerländer schrittweise Hektar für Hektar nicht zum Wohle der afrikanischen Bevölkerung veräußert werden, sondern nur dazu dienen, um Produkte anzubauen, die ausländischen Investoren zukünftig Dividende und Zinseszinsen garantieren, erweist sich das konstatierte Wegschauen der Weltöffentlichkeit, welche diese schonungslose Ausbeutung anprangern sollte, als eine globale Hilfeunterlassung. Denn es darf nicht sein, dass die Stimme der Abertausend potentiellen zukünftigen landlosen Afrikaner in diesem sehr hochentwickelten Informationszeitalter ungehört bleibt. Der Ackerlandausverkauf findet in Afrika vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt. So ist der Zug des dritten afrikanischen Kolonialzeitalters bereits abgefahren. Noch befindet sich dieser Zug unweit des Bahnhofes zwischen Hammer der Schwellenländer und Amboss der traditionellen Industrienationen. Diese Abfahrt verheißt Afrika eine verheerende Neu-Kolonialisierung. Deshalb sollte sie jetzt unbedingt gestoppt werden. Das ist ganz gewiss leichter gesagt als getan. Denn seit der Unabhängigkeitsdeklaration der meisten afrikanischen Länder vor mehr als 55 Jahren versuchen diese Länder, aus der Armut herauszukommen mit Hilfe einer Unterstützung, die mit Sicherheit nur noch mehr versklaven wird. Indes lassen sie sich allzu oft von den dekadenorientierten Grundsatzerklärungen aus den Schubladen der Vereinten Nationen blenden.

 

Die Befreiung Afrikas aus dem Schlamm der neoliberalen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen traditionellen Industrienationen und Schwellenländern kann überhaupt nicht durch das bloße Nachlabern von „Seligpreisungen à la acht UN-Millenniumsziele / UN-Millenniums Goals“ erreicht werden. Wir leben im Jahre 2015 Die propagierten acht UN-Millenniumsziele wurden für die Mehrheit der afrikanischen Länder nicht erreicht.[1] Die internationale Finanzlage spielt ebenso eine beträchtliche Rolle für die Unerreichbarkeit dieser Ziele. Indes ist die Wirtschaftskrise des Jahres 2008 ein willkommenes Argument für die meisten Industrieländer, die das Erreichen der 0,7% ihres Bruttonationaleinkommens für die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit längst versäumt haben. Rien ne va plus! Der Traum der „acht Seligpreisungen-UN-Millenniumsziele“ ist in Afrika ausgeträumt; und mit ihm die bisherige internationale Entwicklungszusammenarbeit für Afrika.

 

Nun muss Afrika sich selbst mobilisieren, um dem bereits begonnenen neuen Kolonialzeitalter entgegenzuwirken. Das wäre die neue afrikanische Herausforderung. Aber ist Afrika in der Lage, den neokolonialistischen Stürmen zu trotzen? Inwiefern bräuchte Afrika dafür Hilfe von außen?

 

Die erste Aufgabe ist es, neue Wege für die Entwicklungszusammenarbeit zu schaffen, die von Afrikanerinnen und Afrikanern eingeschlagen werden sollen und für die sie verantwortlich sind. Diese Wege schließen zum Beispiel Partnerschaft in gleicher Augenhöhe in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit ein.

 

Die traditionelle Entwicklungszusammenarbeit hat versagt (siehe: Wir retten die Welt zu Tode). Inzwischen hat die Entwicklungshilfeindustrie begonnen, verschiedene Wege der Zusammenarbeit auszuprobieren: von der Hilfe zur Selbsthilfe bis hin zu Mikrokrediten, die zum Teil Erfolg in verschiedenen Weltteilen gebracht hat. Aber nicht stark genug, um Afrika aus seinen ihm zugewiesenen Platz zwischen Hammer und Amboss zu befreien. Deshalb muss ein anderer Typus der Entwicklungszusammenarbeit her. Eine jetzt orientierte echte Entwicklungszusammenarbeit, die eine Partnerschaft in gleicher Augenhöhe befürwortet. Das setzt allerdings voraus, dass Afrikanerinnen und Afrikaner in ganz neuer Weise die bewahrte Potenz gemeinschaftlicher Solidarität ihrer jeweiligen Tradition in Schwung bringen. Und genau diese aus der Tradition kommende Solidarität ermutigt anscheinend afrikanische MigrantInnen, Geld nach Afrika zu überweisen. Es sind diese sensiblen Menschen, denen viele afrikanische Länder verdanken, dass ihre jeweilige Wirtschaft belebt wird. Die „Remittance Economy“ ist für viele Länder Afrikas eine wichtige Säule des BIP geworden.[2] Und unter diesen GeldüberweiserInnen gibt es viele Menschen, die wirklich aufgrund afrikanischer Traditionen im „Dyambour-Ideal“ leben. Ein „Dyambour“ ist bei den Wolof in Senegal ein Ehrenmann, ja ein gerechter Mensch. Er übt Gerechtigkeit. Er handelt in Güte. Er hasst das Böse. Er liebt friedfertige Tage. Sein Leben ist von innerer und äußerer „Schönheitsästhetik" geprägt.

 

Es ist dieses Dyambour-Ideal (oder auch andere traditionelle afrikanische Ideale), das vielen MigrantInnen Antrieb gibt, Geld nach Afrika zu überweisen. Deshalb wäre es angebracht, wenn Menschen mit „Dyambour-Ideal“ für neue Wege der Entwicklungszusammenarbeit beigezogen werden könnten. Doch da gibt es eine Menge von AfrikanerInnen, die in den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Europa und Amerika studiert und in verschiedenen Branchen gearbeitet haben. Sie sind die ersten, die die afrikanische „Remittance Economy“ in Gang gesetzt haben. Sie erreichen nun das Pensionsalter. Sie sind finanziell abgesichert, gesund und fit. So eröffnet sich die EZA die Chance, etwas Neues mit diesen Menschen in Afrika zu beginnen. In Projekten im Bereich der intergenerationellen Geragogik könnten diese Menschen, die sowohl in den westlichen als auch in afrikanischen Gesellschaften beheimatet sind, neue Impulse für die EZA mit Afrika setzen.

 

Denn die Weltbevölkerungsstatistiken sind trügerisch. Man spricht immer von einer kürzeren Lebenserwartung in Afrika, ohne klar darzustellen, dass es sich hier um die durchschnittliche Lebenserwartung handelt. Fazit: Die hohe Kindersterblichkeit setzt die durchschnittliche Lebenserwartung der Afrikaner herab. So gibt es derzeit in Afrika mehr Fünfzigjährige als Vierzehnjährige. Und die Zahl der über 60-Jährigen, die kaum erwerbstätig im formellen Sektor waren – auch kaum schwer gearbeitet haben – und deshalb keinen Pensionsanspruch haben, steigt und steigt. Viele unter ihnen haben eine gute Ausbildung genossen, aber sie sind damit nie in Einsatz gekommen. Was macht man mit ihnen und wohin mit ihnen. Also, „wir müssen uns der Tatsache bewusst sein, dass die Industriestaaten zuerst reich und erst dann alt wurden, während die Entwicklungsländer altern, bevor sie reich werden“ (G. H. Brundtland, WHO). Das heißt, zu den bekannten Problemen der Entwicklungsländer gesellt sich nun die Problematik der Bevölkerungsalterung – aufgrund der bevorstehenden Dezimierung von großen Familien besonders in großen Ballungszentren –, die vielen afrikanischen Ländern in den nächsten Jahren zu schaffen machen werden. Sie haben einfach keine öffentliche nachhaltige Pensionskassa. Aus diesem Grund sind Projekte in Richtung intergenerationeller Geragogik (intergenerationelle Bildungsarbeit) in Afrika äußerst notwendig. Das Projektziel wäre dies: Menschen zwischen 55 und 65 Jahre in die leichte Arbeitswelt zu integrieren, denn besonders in ländlichen Gebieten Afrikas werden über 60-Jährige zum Verkauf ihrer Ackerländer allzu oft überredet. Und sie werden über die Folgen dieser Veräußerung nicht aufgeklärt. Sie brauchen daher jegliche Unterstützung aller Art, damit sie in diesen von der Jugend verlassenen ländlichen Gebieten überleben können (Projekte gegen Land Grabbing).

 

Indes gibt es einerseits Menschen afrikanischer Herkunft mit Dyambour-Ideal als Pensionisten in den Industrienationen, andererseits gibt es gleichaltrige AfrikanerInnen in Afrika ohne Pensionsanspruch. Diese sind auch fit und können arbeiten, wenn ihnen Gelegenheit gegeben werden würde. Daher sind Projekte für die Betreuung dieser Menschen unerlässlich, damit jüngere Generationen in Afrika in der Zukunft die Schuldenlast nicht tragen, die Tür und Tor für etwaige „Seligpreisungen wie 8 UN-Millenniumsziele“ öffnen. Nicht die „Seligpreisungen“, die sich nicht ereignen werden, sondern die Ideale aus afrikanischer Tradition, wie jene des „Dyambours“, können Afrika vom Platz zwischen Hammer und Amboss des neoliberalen hegemonialen Machtkampfes freipressen. Ohne solche verwurzelte Ideale wird Afrika in der Zukunft genauso wie in der Vergangenheit, wie auch jetzt in der Gegenwart, als eine unkontrollierte Rohstoffgrube für die Wirtschaftsgangster bleiben; ja, jene Gangster, die sich nicht scheuen, viele Regionen Afrikas als Abräumhalden zu missbrauchen: Selig, die ihr jetzt wie Dyambours wirkt, denn ihr werdet den Zug des dritten afrikanischen Kolonialzeitalters stoppen …

 

 

Mag. Dr. Espérance-François Bulayumi

Bildungsbeauftragter

Afro-Asiatisches Institut in Wien



[1] Bulayumi: Interview mit der Deutschen Welle. In: http://www.dw.com/fr/lafrique-loin-des-objectifs-du-mill%C3%A9naire/a-6032216

[2] Nach dem Bericht von Weltbank haben afrikanische MigrantInnen in den westlichen Ländern 60 Milliarden US$ im Jahre 2012 nach Afrika überwiesen.

 

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