Sonntag 24. Juni 2018

Inhalt:

Humor und Spiritualität als Wegbegleiter

Humor und Spiritualität sind wie Strohhalme, an denen festzuhalten uns davor bewahren kann, in den Wogen eines effizienz-, leistungs- und geschwindigkeitstrunkenen Lebens zu ertrinken.

 

 

An Strohhalmen können wir uns nicht nur festhalten, sondern mit ihrer Hilfe auch das Wasser, das uns bis zum Halse steht, wegtrinken. Humor und Spiritualität bergen also nicht nur Überlebens-, sondern auch Veränderungsmöglichkeiten. Diese helfen uns beim Durchtauchen und beim Auftauchen, auf dass wir wieder festen Boden unter den Füßen spüren und einen kritischen Überblick gewinnen können. Ein knapper theologischer Blick auf Humor und Spiritualität kann zeigen, wie beide dem Menschen auf seinem bedrängten Weg durchs Leben Begleiter sein können. Aufgabe der Theologie ist es, über den gelebten Glauben unter sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen kritisch nachzudenken und dabei Mut zu machen für ein Leben als Christin und Christ.

Der Humor unterhält, das heißt, er erhält aufrecht, was weitergehen muss. Die Spiritualität erhebt, was bedeutet, sie hebt in die Höhe, was keinesfalls untergehen darf. Im rasch gestiegenen „Marktwert“ von Humor und Spiritualität spiegeln sich nicht menschliche Bedürfnisse und Hoffnungen wider, sondern ein „erschöpftes Selbst“ (Alain Ehrenberg) oder mit anderen Worten eine „erschöpfte Gesellschaft“ (H. Keupp), die nach „Über-Lebensmitteln“ sucht.

 

Was ist Spiritualität?
Da der Begriff Spiritualität zu einem diffusen Sammelbecken für Vieles geworden ist, kommen wir nicht umhin, das christliche Verständnis näher zu beschreiben. Eine erste Beschreibung umreißt den Menschen, der nicht festgelegt ist und der aus diesem Grund in einer Spannung lebt, zwischen seinem leiblich-begrenzten Dasein und der Fähigkeit seines Geistes, über die eigene Begrenztheit nach- und hinauszudenken. Innerhalb dieser Umrisslinien finden sich durch die Geschichte und in den Kulturen ganz unterschiedliche Menschenbilder.

Eine zweite Kontur zeichnet den grundsätzlich offenen Menschen als sich und anderen gegeben – also nicht aus sich selbst hervorkommend – und insofern als „verdankt“. In diese Umrisslinie hinein konnten und können Gottesbilder gemalt werden, in denen etwas jenseits des Menschen angesprochen wird, ohne das Angesprochene damit ‚fassen‘ zu können.

Eine dritte Kontur schließlich verbindet die vorangegangenen und kreuzt sie zugleich: in diese Umrisslinie konnten und können Christinnen und Christen Bilder des Mannes aus Nazareth, den sie als den Christus (den Gesalbten Gottes) bekennen, eintragen. Christliche Spiritualität hat sich innerhalb dieser Konturen entfalten können und tut es nach wie vor: die Konturen sind dabei so weitläufig, dass sie niemals erschöpfend ‚bebildert‘ oder „ausgemalt“ werden könnten. Die Bilder, die wir in den Konturen vorfinden und jene, die wir neu skizzieren, geben Zeugnis von einem Suchen wie von einem Schon-gefunden-Sein, vom Staunen und Lieben, vom Sprachlos-Sein und Nicht-mehr-Können – und von einer Hoffnung, die nicht machbar ist, sondern geschenkhaft „zufällt“. Im persönlichen wie im gemeinschaftlichen Wahrnehmen dieser Konturen wie im Nicht-anders-Können, als diese auszumalen, spiegeln sich Kontemplation und Aktion, ein Sich-Vorfinden und ein Darauf-Antworten wider.

 

Was ist Humor?
Da auch der Humor längst zu einem Sammelbecken ganz verschiedener Phänomene geworden ist und folglich als Sammelbegriff verwendet wird, sollen auch hier Konturen umreißen, was im Humor zum Ausdruck kommen kann. Dabei wird eine gewisse Ähnlichkeit ins Auge fallen.

Die erste Kontur umreißt den Menschen in seinem erstaunlichen Potential, das in Verbindung mit seiner Begrenztheit zugleich Gewaltiges wie Gewalttätiges hervorzubringen vermag. Diese Spannung im Menschen kann als Ungereimtheit wahrgenommen werden. Daher wurden und werden in diese Umrisslinie Menschenbilder eingetragen, die diesen Widerspruch humorvoll thematisieren. Gehen Menschen mit dieser Diskrepanz, die sie an sich selbst und anderen erfahren, ins Gericht, greifen sie zu schwarzem Humor, zu Zynismus und Spott. Sind Menschen hingegen geneigt, Humor und Spiritualität als Wegbegleiter diesem Widerspruch gelassen und wohlwollend zu begegnen, kann in ihrer Haltung „Humor“ (als Verflüssigung des Festgefahrenen) wahrgenommen werden – dabei können Komik und Lachen den Humor begleiten, müssen es aber nicht. Freilich, der Humor hebt den Widerspruch nicht auf, doch relativiert er ihn, indem humorvolle Menschen sich selbst in ein größeres Beziehungsgeflecht einzuordnen bereit sind.

Die zweite Kontur umreißt den Menschen, der sich selbst nicht gemacht oder ins Leben gewünscht hat. Während die Spiritualität in diese Umrisslinie Gottesbilder eintragen kann, muss der Humor dies nicht unbedingt tun; völlig ausweichen kann, ja will er der Gottesthematik allerdings nicht, wie Woody Allen eindrücklich unter Beweis stellt: „Es mag ja sein, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, aber versuchen Sie mal, einen Klempner am Wochenende zu kriegen!“ Allens Humor bringt so auf den (wunden) Punkt – die Pointe –, was Spiritualität und Humor gemeinsam ansprechen, nämlich die allseits prekäre Lage des Menschen.

Humor und Spiritualität sind Wegbegleiter: mit ihnen können wir wahrnehmen, wer wir sind und was in einer verrückten Welt „abgeht“. Indem wir unser eigenes wie auch das „Gehabe“ der Welt relativieren, schärfen wir den unterscheidenden Blick für das, was verändert und was ausgehalten werden muss.

 

Andreas Telser

Ass.-Prof. am Institut für Fundamentaltheologie und Dogmatik der Katholischen Universität Linz

 

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