Freitag 15. Dezember 2017

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„Ich kann mich immer dafür entscheiden, glücklich zu sein!"

Wer auf Google nach „Glück" sucht, erhält etwa 190.000 Treffer. Es gibt sogar ein Land – nämlich Bhutan - das den Wohlstand in Bruttonationalglück misst und auch einen eigenen Glücksminister hat. Glücksforscher Markus Rauchensteiner hielt zum Thema „Glück" einen Vortrag bei der diesjährigen Sommerakademie. Luis Cordero und Reinhard Kaspar haben mit ihm ein Interview geführt.

 

Ypsilon: Wie definieren Sie Glück?
Rauchensteiner: Glück ist das, was automatisch entsteht, wenn ich aufhöre, mir Unglück zu bereiten.

 

Ypsilon: Bei ihren Thesen ist immer die Rede von „Aufwecken – Menschen aus dem Tiefschlaf des Alltags holen" – was bedeutet das?
Generell heißt aufwecken, dass ich sehr bewusst gewisse Dinge mache. Das heißt, dass ich immer mehr Verhaltensweisen, die ich mir angeeignet habe, genau anschaue und überprüfe. Dann entscheide ich bewusst, ob ich das so leben will, oder nicht. Ich beobachte mich selber wie ich auf gewisse Situationen oder Geschehnisse reagiere und entscheide, möchte ich jemand sein, der so oder so reagiert, oder würde ich gerne jemand anderer sein und anders reagieren?


Ypsilon: Wenn ein Mann sagt „Ja ich möchte das so ändern" - was ist dann der nächste Schritt?
Rauchensteiner: Der Schritt ist, dass er etwas anderes tut als früher, mehr braucht er da nicht machen. Eine Veränderung ist ganz einfach – ich habe nur etwas anders zu tun als normalerweise und dann ist automatisch eine Veränderung damit verbunden. Wenn ich immer das gleiche mache, habe ich keine Veränderung.


Ypsilon: In ihrem Vortrag sagten Sie: „Glücklich sein ist eine Entscheidung, die man selber trifft!"
Rauchensteiner: Ich kann mich immer dafür entscheiden, glücklich zu sein, egal was passiert. Von dem her ist es eine Entscheidung, die ich über das Körpergefühl wahrnehme. Aber es ist ein schlechtes Ziel, immer glücklich sein zu wollen, weil dies wird nicht passieren. Es wird etwas im Leben auftauchen, worüber ich nicht glücklich bin, wie zum Beispiel ein Strafzettel am Auto. Ich bin zuerst enttäuscht, aber jetzt habe ich den Strafzettel und ich übernehme dafür die Verantwortung, sonst hätte ich ja keinen Strafzettel. Ich akzeptiere den Strafzettel und habe somit den Widerstand aufgelöst. Akzeptanz ist immer etwas, das automatisch ein glückliches Gefühl bereitet – automatisch, da brauchen wir uns überhaupt nicht mehr darum kümmern.


Ypsilon: Ihre Empfehlung ist also „Man(n) soll zu den Gefühlen stehen?"
Rauchensteiner: Ja, sich erlauben glücklich, aber auch unglücklich zu sein. Ich kann nicht verhindern, dass das Gefühl auftaucht, dass es mir nicht gut geht. Das wird immer so sein, aber ich kann bestimmen, wie lange ich in dieser „Verurteilung" drinnen bleibe oder nicht. Je bewusster diese Entscheidung ist, desto besser fühlt sie sich an.
Männer wollen oft glücklich mit einer anderen Person sein – oder glauben, nur mit einer anderen Person glücklich sein zu können. Wenn ich glaube, es geht mir nur gut, wenn der andere Mensch da ist, begebe ich mich in eine Abhängigkeit. Das stimmt aber nicht, denn egal wie gut die Beziehung ist, es wird immer etwas auftreten, wo mich der andere scheinbar unglücklich macht. Das ist immer dann, wenn ich glaube, der andere sollte wieder anders sein als er ist. So z. B. könnte ich auf meine Frau ganz stolz sein, dass sie so mutig ist, dass sie mich betrügt, weil sie muss damit rechnen, dass ich sie verlasse – das wäre eine Haltung (lacht). Ich würde es anders machen: Wenn es mir wichtig ist, dass ich möglichst schnell wieder schmerzfrei (leidfrei) bin, ist es am besten zu sagen „Schatzi, du darfst es jetzt leben, wie immer du willst, nur ich bin nicht mehr dabei!"


Messbares Glück
Ypsilon: Wie wird Glück erforscht?
Rauchensteiner: Es geht ganz viel um Befindlichkeiten – was macht etwas mit mir, wenn dies oder jenes in meinem Leben passiert? Es ist dies das Abfragen der Vorderseite deines Körpers – zwischen dem Kinn und Bauchnabel; fühlt es sich eingeengt und druckvoll an oder weit und leicht. Kann ich gut tief Luft holen oder bleibt mir der Atem weg. Es gibt Botenstoffe, die unser Körper produziert, diese Botenstoffen werden gemessen. Überprüft wird das durch Vorgabe von Situationen und Blutabnahmen vor und nach einer Streitsituation.

 

Ypsilon: Bhuhan und Bruttonationalglück- Glück ist wichtiger als Wirtschaft?
Rauchensteiner: Es ist dort im Gesetz verankert. Alles was dortige Regierung tut ist, dass sie wirklich Zeit und Geld investiert, dass es den Menschen dort möglichst gut geht. Die Einreise in Bhutan heute kostet richtig viel Geld und mit diesem Geld wird die Forschung finanziert. Es wird sehr häufig gefragt, was jeder Einwohner gerne an Verbesserung an Lebensqualität hätte. Wovon bräuchte man noch mehr, um glücklich zu werden? Der Staat hat ein hohes Interesse daran, dass es dem Menschen gut geht.


Ypsilon: Es wird oft gesagt, je weniger ein Mensch hat, desto glücklicher ist er oder sie?
Rauchensteiner: Wichtig ist, dass die Grundbedürfnisse erfüllt sind. Das Überleben muss gesichert sein, dass man nicht erfriert, dass man nicht verhungert. Alles andere sind Zuckerl, die einen glücklich oder unglücklich machen können. Es gibt Personen, die haben Existenzängste, obwohl sie Millionen auf der Kante haben. Diese Existenzängste sind berechtigt, aber jeweils nur für diese Person, nicht für jemanden, der überhaupt nicht in die Nähe eines solchen Vermögens kommen kann. Wir haben eventuell kein Verständnis für das, aber es ist dem Körper des Betroffenen total egal, er zeigt die Symptome von „Luft wegbleiben". Wenn Angst da ist, ist sie da.


All diese Gefühle sind nicht direkt mit der Außenwelt gekoppelt, sondern sie sind in uns drinnen. In Wirklichkeit ist das ganze Leben in uns drinnen – wir nehmen alles über unsere Sinnesorgane wahr und somit aus uns heraus. Das Hier-und-Jetzt ist immer der einzige Zeitpunkt, wo man eine Empfindung oder einen Gedanken haben kann.


Luis Cordero, Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter der KMBÖ
Reinhard Kaspar, Organisationsreferent der KMB-Linz

 

Die Lang-Version dieses Interviews befindet sich auf unserer Homepage: www.kmb.or.at

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