Samstag 26. Mai 2018

Inhalt:

Jedem so viel, wie er nötig hat

Gemeinwohl-Ökonomie in der Urkirche

Die Katholische Aktion Steiermark hat am Vorabend des Fronleichnamstages einen bemerkenswerten Beitrag zur Ökonomiedebatte geliefert. Zu ihrer „Fronleichnamsakademie“ waren zwei namhafte Vertreter einer alternativen Wirtschaftssicht geladen gewesen, die mit ihren Gedanken und Anregungen einen spannenden Abend gestalteten.

Der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie Christian Felber und die Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG, Sabine Herlitschka stellten sich beide der Diskussion. Der Grundtenor ihrer Ausführungen bestand darin, dass Gemeinwohl und Solidarität im Zentrum einer verantwortungsvollen Wirtschaftsgestaltung stehen müssen, was einen gründlichen Gesinnungswandel unsererseits voraussetzen würde.

Ähnliche Töne schlägt die Initiative „Christlich geht anders“ an, die erst kürzlich an die Öffentlichkeit getreten ist und mit einem klaren Bekenntnis zu Sozialstaat und Menschenrechte bei der bevorstehenden Nationalratswahl ihre Stimme erheben will: Es sei höchste Zeit, dem neoliberalen Denken der maximalen Profitorientierung entgegenzuwirken, das Geld als Chiffre für die Güter dieser Erde muss als Mittel zum Zweck gelten und nicht als Zweck selbst.

 

Vom Urchristentum …

 

Das lenkt uns Christen den Blick zurück auf die Urgemeinde von Jerusalem, von der es in der Apostelgeschichte heißt, dass sie in völliger Gütergemeinschaft gelebt hat. Wie immer die ersten Wochen und Monate nach der schmachvollen Hinrichtung Jesu vor den Toren der Stadt ausgesehen haben mögen, eines scheint fester Bestand zu sein: Der Jüngerkreis blieb in Jerusalem beisammen, weil man sich dort das Wiederkommen des auferstandenen Herrn erwartete. Da man dieses endzeitliche Ereignis ehebaldigst kommen sah, war es nur konnsequent, wenn man die ökonomischen Umstände entsprechend darauf einrichtete.

Alle verkauften ihr Hab und Gut und lebten in frommer Gütergemeinschaft. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt.  Den Erlös aus ihren Verkäufen legten sie den Aposteln zu Füßen, die jedem so viel zuteilten, wie er nötig hatte.

 

… zum bedingungslosen Grundeinkommen

 

Ist das nicht ein modellhaftes christliches Wirtschaftssystem? Was können wir heute mit dieser Geschichte anfangen, ohne sie als Schwärmerei und Weltfremdheit abzutun?

In der Ökonomiedebatte taucht heute immer öfter die Idee vom „bedingungslosen Grundeinkommen“ auf.  Die Vorstellung, dass jeder Staatsbürger ein bestimmtes Einkommen von der öffentlichen Hand ausbezahlt bekommt, und zwar unabhängig davon, ob er etwas leistet oder nicht. Das würde jedem seine Existenz sichern, ihn von der Sorge um den Lebensunterhalt befreien und ein kompliziertes System von Sozialleistungen überflüssig machen. Es wäre ein gewaltiges Experiment, zweifellos mit ungewissem Ausgang, aber eine echte, aus biblischem Geist motivierte Alternative zum eiskalten System des geldorientierten Kapitalismus.

Die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen wäre heute die Fortschreibung von Kapitel 4 der Apostelgeschichte. Aber es gibt auch ein Kapitel 5. Mit ihm folgt die Ernüchterung auf den Fuß: Die Geschichte von Hananias und Saphira. Die beiden haben einen Teil des erhaltenen Geldes für sich behalten und werden „standrechtlich“ mit dem Tod bestraft.

Damit sind wir bei einem Kernproblem aller Politik angelangt: Wenn der Sozialstaat „organisierte Solidarität“ ist, wer ist es, der ihn organisieren könnte? Für uns Christen heißt das: Wie können wir unsere Ideale in der Gesellschaft so durchsetzen, dass es nicht beim leeren Gerede bleibt? Wie schaffen wir es, dass jeder so viel bekommt, wie er braucht, und dass er damit auch zufrieden ist?

Wir müssen nicht bei Augustinus beginnen und das menschliche Wollen von vornherein böser Disposition unterstellen, aber wir haben davon auszugehen, dass alles Lebendige auf dieser Erde von seiner Schöpfung her dem Drang auf Selbsterhalt und Überleben unterworfen ist. Diesem biologischen Grundgesetz ist sozusagen die gerechte Verteilung der Güter dieser Erde erst abzuringen. Das Instrumentarium für eine gerechte Ökonomie liefert die Politik. Oder nennen wir es anders: Wer immer Ökonomie gestalten will, betreibt Politik.

Die Agrargesellschaft brauchte dazu andere Instrumentarien als die Industriegesellschaft, und die angehende Cybergesellschaft wird wieder andere brauchen. Es ist ernsthaft darüber nachzudenken, wie bei zunehmender Konzernisierung des Eigentums alle von den Gütern dieser Erde werden leben können. Wir steuern zurück zur Feudalherrschaft, wo das Wohl und Wehe der Vielen von der Gnade eines Einzelnen abhing.

 

Die Apostelgeschichte überliefert uns leider nichts darüber, wie es mit der Gütergemeinschaft der Urkirche weitergegangen ist. Auch sonst verlieren sich ihre Spuren im Dunkel der Geschichte. Zwar brandeten da und dort immer wieder Glutnester ihrer Ideale auf, aber sie verloschen alle im Nebel der Realität. Sie ist ein Nicht-Ort, eine Utopie geblieben. Aber auch als solche ist sie von großem Wert. Utopien leiten dazu an, bestehende Werthaltungen zu überdenken und neue Organisationsformen zu provozieren. Aber wo immer versucht worden ist, sie in Realpolitik umzusetzen, sind menschenverachtende Gewaltherrschaft und Despotismus das Resultat gewesen. Ob das Tausendjährige Reich oder die klassenlose Gesellschaft, ob das Reich Gottes, die Civitas Dei oder der islamische Staat, sie alle schließen abweichende Haltungen aus, und jeder, der sich ihrer einzigen rettenden Wahrheit verschließt, muss augenblicklich tot umfallen.

 

Daher wird es keinen anderen Weg geben, als den der Partizipation. Im gegenseitigen Zueiner-Auseinander-Gegeneinander-Rücken jene mittlere Entfernung finden, von der Arthur Schopenhauer fast prophetisch gesprochen hat. Allerdings geht es hier nicht um Höflichkeit und feine Sitte, sondern um handfeste Interessen und Begierden. Das ist das Wesen des Politischen: Die gerechte Verteilung aller Güter dieser Erde, damit jeder so viel bekommt, wie er nötig hat.

 

Ernest Theussl. Der Autor ist Vorsitzender der KMB Steiermark, theologe und Religionspädagoge

 

 

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