Sonntag 24. Juni 2018

Inhalt:

Was wir vom „ungläubigen“ Thomas lernen können ...

 

Der Apostel Thomas steht ja herkömmlich für den Typ Mensch, der die Dinge eher vom Kopf angeht, der nur glaubt, was man sehen, anfassen und beweisen kann (Eine solche Kopflastigkeit sagt man ja gerne uns Männern nach!). Zugleich steht er aber auch für den Menschentyp, der nicht gleich alles unhinterfragt übernimmt, sondern, der in die Tiefe geht und fragt und sucht. Und das ist etwas ungeheuer Wertvolles.

 

Sie gehört zu meinen „Lieblingsstellen“ in der Bibel, diese Geschichte von der Begegnung des Thomas mit dem auferstandenen Jesus. Ich merke nämlich, dass mir dieser Apostel Thomas sehr nahe steht mit seiner Skepsis und seinem Zweifeln. Gerade deshalb ist es auch so schade, dass er immer wieder auch als der „ungläubige“ Thomas bezeichnet worden ist und wird.

 

So nahe an der Realität unseres Menschseins


Dass sich diese Geschichte vom Zweifel des Thomas gerade bei den Osterberichten findet, ist für mich einmal mehr der Erweis dafür, dass die Bibel wirklich ganz nahe an der Realität dran ist, ganz nahe am Gewöhnlichen und auch Üblichen unseres menschlichen Lebens. Ist es nicht in Wirklichkeit so, dass wir sie alle sehr gut kennen, die Zweifel und Unsicherheiten im Leben und gerade auch im Glauben?

Hinter dem Zweifel des Thomas steckt also nicht zuerst eine menschliche Schwäche, sondern sein Zweifel deutet hin auf einen tieferen Sinn. Denn es ist ganz wichtig, dass es wirklich der gleiche Jesus ist, mit dem er mitgegangen ist, für den er alles liegen und stehen gelassen hat. Es wird ja berichtet, dass er beim ersten Erscheinen Jesu vor seinen Jüngern nicht dabei gewesen ist. Als die anderen ihm davon erzählen, glaubt er nicht. Er will die Wundmale sehen und seine Hand in die Seite Jesu legen, erst dann glaubt er.

 

Es hat wohl ein jeder und eine jede von uns schon öfter im Leben die Erfahrung gemacht, dass man da einem anderen Menschen begegnet, der oder die von einer Erfahrung berichtet, die für ihn ungeheuer beeindruckend oder berührend war, die wieder etwas in Bewegung gebracht hat, wo Stillstand gewesen ist, ja die vielleicht sogar sein Leben entscheidend verändert hat. Und wie geht es einem da als Zuhörer?

Man staunt über den anderen, mit welcher Kraft er auftritt, mit welcher Begeisterung oder Ergriffenheit er von dem Geschehen berichtet. Aber: so wirklich verstehen oder mitvollziehen oder nachempfinden kann man das Ganze eigentlich gar nicht.

Schnell schleicht sich da auch gleich eine gewisse Portion Skepsis oder Zweifel ein. Und genau an diesem Punkt kommt es nun ganz entscheidend auf die innere Haltung des Zuhörers an.

 

Der gesunde und der zerstörerische Zweifel


Es gibt einen gesunden Zweifel, aber auch einen zerstörerischen Zweifel. Ein gesunder Zweifel will verstehen - mit Kopf, Herz und Bauch. Er führt in die Tiefe und er führt zu positiver Auseinandersetzung, Kontakt und Begegnung. Ein zerstörerischer Zweifel könnte sich etwa so äußern: der übertreibt ganz gewaltig, oder: die hat sich da ein wenig verloren in einem Überschwang der Gefühle, oder: der wird schon wieder auf den Boden der Realität herunterkommen. Ein zerstörerischer Zweifel ist negativ, er glaubt nicht an die anderen, beschränkt sich auf den eigenen Horizont, traut nicht zu, erwartet nichts, verschließt sich in sich selbst. Er führt in die Einsamkeit und Isolation.

 

Und noch ein Aspekt könnte da mitspielen, wenn man genau in sich hineinhorcht: Gönne ich vielleicht dem anderen das neue Leben oder die neue Sicht nicht, weil ich selber eigentlich nicht so recht daran glauben kann und  mit meiner Unzulänglichkeit hadere? Oder kann ich mich mitfreuen und sagen: „Schön für dich und ich freue mich mit dir, dass du das so erlebt hast!“?

Der Zweifel des Thomas war sicher nicht von einer negativen Art, er wollte den anderen ja auch nicht ihre Erlebnisse und Erfahrungen ausreden. Schauen wir genau hin, was da erzählt wird.

 

Die Begegnung mit dem Auferstandenen

 

Acht Tage später – wie erzählt wird - kommt Thomas, der „Zweifler“, zu seiner eigenen und ganz besonderen Begegnung mit dem Auferstandenen. Wieder tritt Jesus in den Raum ein, der verschlossen ist. Er grüßt mit dem Friedensgruß und wendet sich dann in besonderer Weise dem Thomas zu - und zwar in der Weise, wie Thomas es braucht. Nicht die Spur eines Vorwurfes, nicht die Spur einer Belehrung oder einer theoretischen Erklärung.

Nein, an der Art und Weise, wie Jesus hier dem Thomas begegnet wird deutlich, dass das Glauben und Verstehen der Auferstehung nicht zuerst eine Sache des Kopfes ist, sondern Auferstehung hat zuerst einmal etwas mit Begegnung und Berührung zu tun. Das ist es, was wir so notwendig brauchen, um glauben und vertrauen zu können.

So geht Jesus auf Thomas zu und er fordert ihn auf, die Wundmale an seinen Händen zu berühren und dann seine Hand in die offene Seite zu legen. Das ist seine Herz-Seite, aus der am Kreuz Blut und Wasser geflossen sind - Blut und Wasser, beides Symbole für das Leben, unsere zwei wichtigsten „Lebenssäfte“.

 

Das Berühren der Wunden Jesu


Warum ist aber gerade dieses Berühren der Wundmale für Thomas so wichtig? Er will sicher gehen, dass der auferstandene Herr auch der Gekreuzigte ist. Die Auferstehung löscht den Weg Jesu und seine Hingabe ans Kreuz nicht aus.

Würde der Auferstandene nicht mehr die Wundmale tragen, dann hätte er sein Leben und Leiden hinter sich gelassen. Dann wäre etwas Wesentliches weggewischt, was sich im Leben Jesu ereignet hat. Die Auferstehung steht immer in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Leiden und mit dem Kreuz.

Thomas erkennt: der Auferstandene ist der Gekreuzigte. Er nimmt die Verwundungen seiner Menschlichkeit mit in den Himmel. So gibt er allen Leidenden die Gewissheit, dass sie mit ihren Verletzungen und Wunden bei Gott aufgehoben sind.

 

Durch das Berühren seiner Seitenwunde lässt Jesus den Thomas sein Innerstes, seine Mitte spüren. Und Thomas lässt sich berühren im Inneren, in seinem Herzen. Der Kopf, das Denken ist nicht mehr wichtig, nur mehr das Spüren der Nähe, das Spüren, dass alles wahr ist. Dass Jesus auch nach seinem Kreuzestod noch da ist und spürbar und wirksam ist in den Herzen und im Handeln seiner Jünger und Jüngerinnen.

 

Aufgehoben im Geschehen von Leid, Kreuz und Auferstehung

 

So sind wir alle mit unserem Leben - mit unserem Leiden, Kämpfen und Lieben - in diesem Geschehen von Leid, Kreuz und Auferstehung Jesu aufgehoben. Die Vorstellung von einem Himmel, wo alles Alte einfach vergessen und vorbei ist, wo nicht die erlebte und erlittene Geschichte jedes einzelnen aufgehoben und versöhnt ist, eine solche Vorstellung ist nicht die christliche.

John Henry Newman, der berühmte englische Kardinal, hat einmal gesagt: „Glauben heißt auch, Zweifel ertragen können“. Das heißt dann aber auch: wenn man zweifelt, bedeutet das nicht automatisch, dass man glaubensschwach ist.

Wenn ich meine Zweifel ertragen kann und TROTZDEM am Glauben, der sich in meiner Hoffnung und Lebensfreude zeigt, festhalten kann, dann ist das geradezu ein Zeichen von Glaubensstärke. Der Zweifel ist daher immer auch eine Chance, denn er führt uns tiefer zu uns selbst und eröffnet uns neue Sichtweisen.

 

Die Finger auf die Wunden des Lebens legen


Ich glaube, die Geschichte vom „ungläubigen“ Thomas ist ein Sinnbild dafür, dass wir die Auferstehung dann wirklich begreifen, wenn wir auch unseren Finger auf die Wunden des Lebens legen: auf die Wunden Jesu, auf die Wunden der Mitmenschen und auf die eigenen Wunden.

Auferstehungsglaube - wenn er nicht nur eine reine Verstandessache ist - braucht die Begegnung mit den Wunden. Er braucht das Annehmen von Schmerzen, Niedergeschlagensein und Angst, von Leid, Schuld und Tod.

An der Gestalt des Thomas führt uns der Evangelist Johannes so tröstlich vor Augen, dass man am Leid und an den Verwundungen des Lebens nicht zwangsläufig verzweifeln oder scheitern muss, sondern daran auch reifen kann. An Thomas können wir sehen, dass es oft gerade die Begegnung mit den Wunden ist, durch die das Wunder der Wandlung möglich wird.

 

Gegen das Verdrängen und Verschweigen der wunden Punkte unseres Lebens


Ich sehe das auch als großen Auftrag für uns als Christen und auch als Kirche. Nämlich, dass wir daran mitarbeiten und dafür einstehen, dass in unserer Gesellschaft eine Kultur des Zusammenlebens besteht und entsteht, in der auch die Schwächen, das Versagen, das Leiden, die Verwundungen ihren Platz haben, wo diese auch aus- und angesprochen werden können. Und in der es auch einen tröstlichen und heilsamen Umgang damit gibt.

Verletzungen und Verwundungen, das Leiden, die Schmerzen, der Tod und die „kleinen“ Tode des Alltages (Enttäuschungen, Trennungen, Scheitern, Schuld,...) gehören ja meist zu den bestgehütetsten Geheimnissen, die wir mit uns herumtragen.

 

Es gibt für mich kaum etwas Berührenderes, als Menschen zuzuhören, wie sie nach schweren und dunklen Lebensphasen wieder zurückgefunden haben ins Leben, wie ihnen vielleicht dabei auch ihr Glaube Halt und Stütze gewesen oder geworden ist. Solche Menschen sind für mich Auferstehungszeugen.

 

Unser Auferstehungsglaube richtet sich also gegen das Verdrängen und Verschweigen der wunden Punkte unseres Lebens, auch unseres Zusammenlebens. Es ist ein Glaube „auf Augenhöhe“ mit dem Leid, ein Glaube, der sich die Finger schmutzig macht und sie in die Wunden legt. Der Glaube an die Auferstehung ist ein Glaube mit Herz, Händen und Füßen - und natürlich auch mit dem Kopf. Und er ist deshalb auch politisch, das heißt er richtet sich auch gegen die wunden Punkte in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Er zeigt auf, wo menschliches Leben eingeschränkt oder bedroht ist und wo es aufblühen und sich entfalten kann.

 

Ich danke dir, Apostel Thomas und Freund Jesu, und ich umarme dich innerlich, dass du mir und uns diese Sicht der Auferstehung ermöglicht hast!

 

Wolfgang Bögl, Theologischer Assistent der KMB Linz

 

 

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